Dialekte im Globalisierungsdruck
In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts drängte der massive Strukturwandel auf dem Land die Dorfbevölkerung dazu, sich den eigenen Dialekt abzugewöhnen. Dorfschulen wurden abgeschafft, Vereinheitlichung und Verstädterung von Sitte und Sprache, Mobilität und Anpassungsfähigkeit waren gefragt und wurden gesellschaftlich belohnt. In der Folge davon ließ der Einfluss historischer Sprachgrenzen in Baden-Württemberg nach. Seit den 1980er Jahren brachte die Aufhebung des Eisernen Vorhangs viele deutschsprechende Zuwanderer aus anderen Sprachräumen zu uns, und die Globalisierung zwang immer mehr Einheimische, ihre angestammte Heimat zu verlassen, um anderswo einen Arbeits- oder Studienplatz zu erhalten. So werden aus den unterschiedlichsten Gründen viele Menschen gezwungen, in einer anderen deutschen Sprachregion neu reden zu lernen.
Wenn auf diese Weise zwischen Menschengruppen verschiedener Sprachgebiete langfristige Kontakte entstehen, formt sich die mitgebrachte Sprache neu, und Sprachgrenzen werden zu dynamischen Sprachlaboren. Gleichzeitig sind mit Anbruch des 21. Jahrhunderts im Internet einflussreiche soziale Netzwerke entstanden, in denen man sich nur schriftlich verständigen kann. Dazu muss man die Standardsprache, das Hochdeutsche, beherrschen. Gleichzeitig wird die hochdeutsche Sprache massiv anglisiert. Alte Wörter geraten in Vergessenheit, neue werden erfunden, englische Ausdrücke „verdeutscht“. Beim SMS-Schreiben am Handy werden Abkürzungen zu Worten gemacht. Werbung, Wirtschaft, Jugendkultur und Medien treiben diesen Trend weiter und „legalisieren“ dadurch eine neue Sprachpraxis, die sich nicht mehr an historischen Gegebenheiten orientiert, sondern an soziologischen Faktoren. Bestimmend ist nicht mehr, wo man herkommt und zu welcher Sippe man gehört, sondern welcher Bildungsschicht, welcher Berufsgruppe, welcher Altersstufe man sich zugehörig fühlt und welche individuelle Zugehörigkeit man wem durch seinen Sprachgebrauch signalisieren möchte.
Elisabeth Marsh