Sprachgrenzen in unserem Landkreisgebiet
Im Landkreis Freudenstadt sind von Dorf zu Dorf oft gravierende Unterschiede in Wortschatz, Aussprache und Sprachmelodie zu finden. Diese Unterschiede bilden oft die territoriale Zersplitterung ab, die über die Jahrhunderte auf dem Gebiet unseres jetzigen Landkreises einen Flickenteppich von Herrschaftsbereichen geschaffen hatte. Bis zur Flurbereinigung durch Napoleon in den Jahren 1803 – 1806 zählten auf dem Gebiet unseres jetzigen Landkreises Freudenstadt einige Orte zum fürstenbergischen, andere zum württembergischen, wieder andere zum vorderösterreichischen oder hohenzollerischen Einflussgebiet. Auch reichsritterschaftliche Familien, das Schweizer Kloster Muri und der Johanniterorden besaßen in einzelnen Orten Herrschaftsrechte.
Neben den oben erwähnten politischen und kirchlichen Grenzen und dem landschaftlich dominanten Schwarzwaldkamm haben sich auf unserem Landkreisgebiet aber auch andere natürliche Grenzen wie Berge oder Flüsse als Sprachgrenzen herausgebildet, besonders wenn sie den Verkehr behinderten. Nicht selten sind beide Komponenten bei der Herausbildung einer wichtigen Sprachgrenze.
Die wichtigste, eine sogenannt „schwere Mundartgrenze ersten Grades“ ist die Schwarzwaldschranke, die sowohl landschaftlichen Grenzen (dem Schwarzwaldkamm) als auch territorialen Herrschaftsgrenzen folgt und den östlich davon liegenden schwäbischen Sprachraum vom westlich gelegenen niederalemannischen Gebiet trennt. Nach der Reformation in Württemberg verfestigte sich die östliche Außengrenze des fürstenbergischen Gebiets, und die Bistumsgrenze wurde zur Religionsgrenze zwischen dem katholischen Fürstenberg und dem protestantischen Württemberg. So entstand die schwäbisch-voralemannische Grenze auf dem Kniebis. Da Konfessions-grenzen auch das Heiratsverhalten bestimmten, verfestigten sich die Sprachunterschiede weiter und führten zu starkem Abgrenzungsverhalten und sprachlichen Gegensätzen in den Territorien westlich und östlich der Schwarzwaldschranke. Es war bis weit ins 20. Jahrhundert hinein schier undenkbar, jemanden aus der anderen Konfession zu heiraten. Sollte doch ein Andersgläubiger ins Dorf gezogen sein, war jahreslanges Spießrutenlaufen vorprogrammiert.
Auch im engen Murgtal stießen die badische und württembergische Grenze in Längsrichtung aufeinander und teilten das Tal in eine nördliche und eine südliche Sprachhälfte. Im Murgtal selber war die Engstelle zwischen Forbach und Schönmünzach jahrhundertelang gleichzeitig Herrschaftsgrenze, Handelsgrenze, Verkehrs- und Besiedelungsgrenze gewesen. Erst der Bau der Murgtalbahn sprengte die Felsen und brachte im Jahr 1928 die beiden Talhälften und ihre Bewohner zusammen. Deren Sprache war aber mittlerweile sehr unterschiedlich geworden.
Jedoch auch den schwäbischen Hauptteil des Landkreises durchlaufen Trennungslinien, die Unterschiede im Sprachverhalten erzeugten: Im Gebiet zwischen Waldach, Glatt und Neckar z.B. hat sich Sprache unterschiedlich ausgeprägt, je nachdem ob man in einem altwürttembergisch evangelischen oder einem neuwürttembergischen bzw. hohenzollerischen und katholischen Ort groß wurde. Und laut Gerhard Baur1, der in den 1960er Jahren großangelegte Dialektuntersuchungen in unserem Gebiet unternommen hatte, verdichten sich auch am nördlichen Landkreisrand einige Sprachgrenzen zu einem „Riegel“ vor den Orten Besenfeld, Urnagold, Göttelfingen, Schernbach, Kälberbronn und Edelweiler, die sich im Sprachverhalten von den weiter nordöstlich gelegenen Orten Hochdorf und Grömbach sowie den Orten Igelsberg, Ober- und Untermusbach auf der Hochfläche östlich des oberen Murgtals unterscheiden. Dafür sind wohl hauptsächlich frühere politische Zuordnungen maßgeblich gewesen.
Vom Nordwestrand des Landkreises in südöstlicher Richtung südlich an Freudenstadt vorbei ziehen sich weitere sprachliche Trennlinien, die sich laut Baur2 auf alte kirchliche Grenzen sowie auf territoriale Grenzen zwischen den Ämtern Dornstetten/Freudenstadt/Reichenbach einerseits und Alpirsbach/Dornhan/Wofach andererseits zurückführen lassen. Und im Südosten, ungefähr markiert durch die Orte Schömberg, Loßburg, Lombach, Glatten, Neuneck, Oberiflingen, Dettlingen und Bittelbronn, werden die einstigen nördlichen Außengrenzen der Ämter Dornhan und Alpirsbach als weitere Trennlinie sichtbar3. Die Gebiete südlich bzw. östlich der genannten Orte tendieren dazu, sich wirtschaftlich eher nach Südosten und Osten, zum Neckar hin, zu orientieren und zeigen sprachliche Gemeinsamkeiten in Wortwahl und Aussprache, in denen sie sich von den nördlicher gelegenen Landkreisorten unterscheiden.
Elisabeth Marsh
1Gerhard W. Baur, Die Mundarten im nördlichen Schwarzwald, N.G. Elwert Verlag Marburg, S. 167/168
2wie oben, S. 169
3wie oben S. 175